Friday, January 13, 2006

Arbeit zu "Strukturalismus"

Von Purtscher Daniel
Mat.Nr.: 0203141
a312, a307
Geschichte der Kultur und Sozialanthropologie - Tutorium, WS 05/06



Arbeit zu Strukturalismus



Der frankophone Strukturalismus in der Sozialanthropologie wurde entscheidend von einem Mann, nämlich Claude Lévi-Strauss geprägt. Claude Lévi-Strauss wurde am 28. November 1908[1] in Brüssel als Sohn eines Künstlers geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und Soziologie an der Sorbonne in Paris bevor er zwei Jahre lang an einem Gymnasium in Laon unterrichtete. 1934 verließ Lévi-Strauss Frankreich und wurde 1935 als Professor an die Universität von Sao Paolo berufen. Von 1935 bis 1939 unternahm er erste ethnographische Reisen zu den Bororo Indianern im Amazonasgebiet.[2] Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Frankreich zurück, wo er von 1939 bis 1940 freiwilligen Militärdienst leistete und Frankreich anschließend wieder verließ, um an der School for Social Research in New York zu unterrichten. Dort begegnete er Roman Jakobson, welcher das linguistisches Denken und in weiterer Folge ebenso das strukturalistische Konzept von Lévi-Strauss entscheidend beeinflusste. Zudem kam er hier mit der Boas´schen Tradition und mit deren Interesse für allgemeine mentale Verhaltensmuster in Berührung.[3]Gemeinsam mit Henri Focillon, Jacques Maritain und einigen weiteren Mitgliedern gründete er schließlich die École libre des hautes études de New York. 1944 wurde er vom französischen auswärtigen Amt nach Frankreich zurückgerufen und 1945 als Kulturberater der französischen Botschaft nach New York entsandt. 1948 kündigte er seinen Posten, um sich erneut seinen Forschungen widmen zu können. 1949 wurde er Direktor des Musée de l'Homme in Paris und anschließend Direktor der Ecole pratique des hautes études. Lévi-Strauss war zuständig für den Lehrstuhl und das Studienprogramm in vergleichender Religionswissenschaften.[4] Von 1959 bis zu seiner Pensionierung 1982 hatte er die Position eines Professor für Sozialanthropologie am renommierten Collège de France inne. Claude Lévi-Strauss wird wegen seines strukturalistischen Ansatzes, heute als einer der international bedeutendsten Anthropologen des 20. Jahrhunderts gehandelt. Er wollte mit seiner strukturalistischen Methode, die den alltäglichen Handlungen zugrunde liegenden Ursachen offen legen, also hinter die Oberfläche blicken. Dabei bezieht sich der „Strukturalismus“ vor allem auf die theoretische Perspektive, welche den Mustern/Schablonen und nicht dem Inhalt die größere Bedeutung erteilen. Ihm ging es mehr um das Wissen, wie die Dinge zusammenpassen und weniger um das Verständnis einzelner, isolierter Teile. Lévi-Strauss suchte sozusagen die Struktur aller möglichen Strukturen. So auch nach Strukturen einer psychischen Einheit bestimmter Gruppen, sowie der Menschen selbst, welche er „l´esprit humain“[5] nannte. Dabei bedient sich der Strukturalismus einer deduktiven Methode, indem er ein theoretisches Modell entwirft und dann nach Beweisen in der gelebten Realität sucht. Der wichtigste Unterschied zur struktur-funktionalistischen Methode von Alfred Reginald Radcliff-Brown, welche sich ebenfalls mit Beziehungen innerhalb einer abgegrenzten Gruppe befasst, besteht in der induktiven Beweisführung der struktur-funktionalistischen Methode, durch welche schließlich auf die Struktur selbst geschlossen wird. Die Grundlagen des Strukturalismus nach Lévi-Strauss kamen aus der Linguistik, nämlich aus den Arbeiten von Ferdinand de Saussure[6], eines schweizer Linguisten der von 1857 bis 1913 lebte und in Paris Philologie unterrichtete. De Saussures Arbeiten wurden erst drei Jahre nach seinem Ableben veröffentlicht und stellen heute die früheste Betonung von synchronischen, strukturalen Analysen im Sprachstudium dar. Die wichtigsten Ideen von De Saussures waren die Unterscheidung diachronischer, von Veränderungen ausgehenden, und synchronischer, zu einem bestimmten Zeitpunkt erstellten, Studien, sowie die Einteilungen in Langue, Sprache im Sinne von Grammatik und Struktur, und Parole, Sprache im Sinne von aktuellen Äußerungen. Dazu kam noch die Idee syntagmatischer und assoziativer Beziehungen von Worten.[7] Im Beispiel einer Ampel entspricht der Abfolge der Farben, Grün, Orange, Rot die allgemein übliche Bedeutung von Fahren, Bereitmachen und Stopp. Somit bilden die einzelnen Farben auch eine assoziative Beziehung zu den jeweiligen Inhalten, nämlich Rot meint Stopp. Diese paradigmatische, assoziative, Beziehung ist jedoch Kontextbezogen, da Rot nicht immer Stopp bedeutet. Im Bereich der Politik, der Kunst oder der Religion zum Beispiel müssen die einzelnen Farben in einem völlig anderen Kontext wahrgenommen und dargestellt werden. Die letzte wesentliche Unterscheidung die De Saussure liefert, besteht zwischen „signifier“, Bezeichnender und „signified“ Bezeichneter. Hier erkannte er dass Bezeichnungen ein und derselben Sache in unterschiedlichen Sprachen, abhängig von der gegebenen Sprache/Kultur und deren phonetischen Darstellung/dem aktuellen kulturellen Kontext, entsteht. In der Prager Schule entstanden nach De Saussures Tod noch weitere Ideen wobei der Begriff der „unverkennbaren Eigenschaften“ noch wichtig wird. Dabei ging es in der Linguistik vor allem um phonethische Feinheiten, zum Beispiel P und B. Der Ton wird in derselben Mundgegend erzeugt und lediglich durch die Betonung und Aussprache differenziert. Ein Mensch der Lippenlesen kann oder Jemand der aus einer Sprachfamilie stammt, die diese Differenziertheit nicht kennt, könnte in einem Gespräch leicht in Verständigungsschwierigkeiten geraten. Diese binäre Natur von Stimmerfüllten oder Stimmlosen Bedeutungen wurde für den Strukturalismus wichtig, da Claude Lévi-Strauss gerade binäre Oppositionspaare sowie die Idee von Struktur als Muster/Schablone aus der Linguistik übernahm. Weitere Einflüsse waren durch seine früheren Studien, sowie auch durch Émile Durkheim und „die Gabe“ von Marcel Mauss, einem seiner ehemaligen Professoren, gegeben. Gerade in seiner Arbeit „Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ konzentrierte sich Lévi-Strauss weniger auf die Deszendenztheorie, sondern mehr auf das Schaffen neuer Verbindungen durch „Frauentausch“ und somit auf die Heirat.[8] Dabei entwickelte er die Unterscheidung zwischen komplexen und einfachen oder elementaren, Verwandtschaftssystemen. Komplexe Verwandtschaftssysteme zeichnen sich dabei nur durch vorherrschende Verbote, bei der Auswahl eines möglichen Partners aus. Einfache Verwandtschaftssysteme dagegen verbieten und schreiben vor, zum Beispiel aus welcher sozialen Gruppe der Ehepartner gewählt werden soll. Hier betonte er seine Allianztheorie, Verbindung der durch die Heirat betroffenen Familien, gegenüber der Deszendenztheorie. Zudem zeigte er auf, dass das Inzesttabu, mit ein paar Abstrichen, universell gilt. In seinen Arbeiten zu der Mythologie, sowie zum „Wilden Denken“ behandelte Lévi-Strauss Mythen als Ausdruck universeller Geisteshaltungen der betroffenen Gruppen[9]. Dabei untersuchte er Nord- und Südamerikanische Mythen. Vor allem von so genannten „cold societies“, Gesellschaften ohne lineare Geschichtsschreibung, gegenüber, den von ihm „hot societies“ genannten Gruppen mit einer gelebten Geschichtsschreibung. So sah er Totemismus, weniger als Zweckgerichtet, sondern mehr als eine parallelen Darstellung der sozialen Gruppen, die den jeweiligen Totem verwendet. In seinen weiteren Untersuchungen konnte er einige Ähnlichkeiten entdecken, so arbeitete er zu diesem Thema die Gegensatzpaare von nackt – bekleidet, oder roh – gekocht, auch das so genannte „Kulinarische Dreieck“[10] heraus. Gerade hier versuchte Lévi-Strauss, Grundthemen der jeweiligen „mythischen Region“, l´esprit humain, herauszuarbeiten und mit den jeweiligen kulturellen Gegebenheiten, Natur als Gegensatz zu Kultur, kochen – verrotten etc…, in Verbindung zu bringen. Dabei erscheinen die Mythen selbst als Transportmittel für Informationen und kulturelle Haltungen, gerade für Gruppen welche außerhalb einer aktiven Geschichtsschreibung stehen. Dabei wies Lévi-Strauss auch auf die Eigendynamik von Mythen hin, welche sich von Menschen transportiert, auch ständig verändern, anpassen, das heißt variabel erscheinen. In weiterer Folge zeigte er auf, dass in jeder Gesellschaft ein Mythisches Denken vorhanden ist, welches Fragen zur Natur der Dinge im wesentlichen mit Analogien und Metaphern beantwortet.[11] In weiterer Folge entstanden aus dem Lévi-Straus´schen Strukturalismus mehrere Stränge, da viele seine Betonung der psychischen Einheit ablehnten und zu abgegrenzten Forschungsbereichen, Region, Gruppe, Gesellschaft tendierten. Heute gelten in der Forschung vor allem zwei Punkte an der Arbeit von Claude Lévi-Strauss als widerlegt. Zum einen, dass nahezu alles auf Binarität zurückführbar sei und zum anderen, dass alle Verwandtschaftsformen auf „Frauentausch“ basieren. Die aktuelle Forschung spricht von einem vernetzten Denken[12] mit mehr als zwei Polen, wählbare Ethnizität oder Identitäten eines jeden Individuums durch Religion, Kleidung etc… und widerlegte auch die Universalität des Frauentausches. Der holländische Strukturalismus konzentrierte sich auf die Beschäftigung mit Strukturen innerhalb einer bestimmten Region oder eines Kulturkreises, während sich der britische Strang auf einzelne Gesellschaften beschränkte. Die holländische Methode, mit J.P.B de Josselin de Jong als einen ihrer Vertreter, entstand aus der Kolonialherrschaft in Holländisch-Ostindien, Indonesien, und betonte Regionale Strukturen. In einem regionalen Kontext waren die holländischen Forscher in den Bereichen von Verwandtschaft, Symbolismus und Mythen tätig. Die britische Methode versuchte induktiv zu ihren Ergebnissen zu kommen und widersprach in diesem Punkt dem Lévi-Straus´schen Strukturalismus. Rodney Needham, Professor für Sozialanthropologie in Oxford in den 70ern und 80ern, bezog sich vor allem in seinen Arbeiten zu Verwandtschaft auf Claude Lévi-Strauss, nahm jedoch nach einem Disput mit dem selben Abstand von dessen Arbeit. Weitere Wissenschaftler wie Roy Willis, Sir Edmund Leach and Marshall Sahlins ergänzten durch ihre Studien den Strukturalismus um eine historische Dimension.[13] Amerikanische Disziplinen der „Ethnoscience“ und „Cognitive Anthropology“ entwickelten mit „human universals, linguistic models“ und anderen Einteilungen strukturalistische Arbeiten mit Anlehnungen an den frankophonen Strukturalismus, für welche sie selbst Lévi-Strauss lobte. In Frankreich entwickelte Louis Dumont in seiner Arbeit „Homo Hierarchicus“ 1966 einen regional-strukturalistischen Ansatz. Dabei untersuchte er die Hierarchischen Strukturen des Kastenwesens in Indien und entwarf daraus den Gegensatz von Holismus, Unterordnung, Konzentration auf eine Gruppe, gegenüber dem Individualismus westlicher, vor allem USA und Frankreich, Gesellschaften. In seinem zweiten Werk „Homo Aequalis“ 1991, vergleicht er schließlich Gruppenorientierter sozialer Holismus und ideologische Hierarchie mit den in den USA und Frankreich vorherrschenden Vorstellungen von Individualismus und sozialer Egalität aller.[14] Claude Lévi-Strauss gilt heute neben Dumont als eine der Gründerfiguren seiner Zeit, wobei die heutige Forschung mehr zu praktischen Erfahrungen als idealisierten theoretischen Konzepten tendiert, zumindest in Europa.





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[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Claude_L%C3%A9vi-Strauss, 11.01.06

[2] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S. 125ff

[3] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 209

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Claude_L%C3%A9vi-Strauss, 11.01.06

[5] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 127

[6] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 121ff.

[7] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 122ff

[8] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 212

[9] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 214

[10] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 130ff

[11] Vl: Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie, O. Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich, 11.01.06

[12] : Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie, O. Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich, 11.01.06

[13] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 136ff

[14] : Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie, O. Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich, 11.01.06

Thursday, November 24, 2005

Arbeit zu Émile Durkheim

Von Purtscher Daniel
Mat.Nr.: 0203141
a312, a307
Geschichte der Kultur und Sozialanthropologie - Tutorium, WS 05/06

Émile Durkheim

Émile Durkheim gilt nicht nur als Gründerfigur der strukturalistischen und funktionalistischen Tradition mit Einfluss in Frankreich, England und Amerika, sondern auch als Revolutionär der Sozialwissenschaften seiner Zeit. In Bordeaux hatte er im Jahre 1887 den ersten sozialwissenschaftlichen Lehrstuhls Frankreich inne.[1] Émile Durkheim wurde im Jahre 1858 in Epinal in der Region von Lorraine, Ost-Frankreich geboren. Er war Mitglied einer jüdischen Familie, doch im Laufe seiner Jugend legte er seinen jüdischen Glauben ab. Seine Ausbildung erlangte Durkheim in Paris, bevor er für ein Jahr nach Deutschland ging. Dort begegnete er dem Psychologen Wilhelm Wundt in Leipzig, von dessen kollektiven, empirischen Arbeitsmethoden er beeinflusst wurde.[2] Besonders die Verbindung von empirischen Daten mit historischen und ethnographischen Informationen, interessierten Durkheim. Schließlich bezog er 1887 einen Lehrstuhl für Sozialwissenschaften und Pädagogik in Bordeaux. Dort etablierte Durkheim das Journal „Année Sociologiqe“, dass zum wichtigsten Trägermedium der neuen durkheimschen Soziologie wurde. Dabei versuchte er die Soziologie, sowie die Anthropologie als einen sozial-wissenschaftlichen Zweig zu etablieren. Dabei wollte er seine Soziologie und seine Pädagogischen Bemühungen auch für seine politischen Ziele verwenden. Er vertrat die republikanisch, parlamentarische Linke und sah Soziologie als eine Möglichkeit um eine passende Moralordnung zu etablieren. Seine Arbeit als Pädagoge diente ihm dabei als ein nützliches Transportmittel für seine Ideen.[3] Dabei sah er Erziehung als Teil der Sozialentwicklung des Individuums in einer Gesellschaft und weniger als eine persönliche Entwicklung. Da seit 1880 das Bildungssystem in Frankreich weitgehend unter staatlicher Hand war, dienten die Schulen als primäres Mittel um nationale Werte zu transportieren und festigen. Durkheim verwendete seine Soziologie als Wissenschaft und Programm. Unter seinen geistigen Vorgängern, hob er selbst, Charles Renouvier hervor, da Durkheim auf einigen seiner Ideen aufbaute. Der Ansicht Renouviers, dass Moral im Bereich des Sozialen entsteht, sowie den Ursprung der menschlichen Würde in dem sozialen Geflecht der jeweiligen Gesellschaft zu sehen, stimmte er zu. Die wissenschaftlichen Untersuchungen der Moralwissenschaften sowie des Rationalismus nannte er als zusätzliche Gründe für seinen Bezug zu Renouvier. W. Robertson Smiths Arbeit zum arabischen Clansystem bildeten eine Vorlage für die späteren Untersuchungen Durkheims zu Religion, da er daraus schloss, Totemismus sei eine ursprüngliche, wenn nicht die originale Form von Religion. Die Arbeiten zu Religion bildete den wesentlichsten Beitrag Durkheims für die heutige Anthropologie.[4] Dabei entwickelte er ein struktur-funktionalistisches Konzept von Religion, in das er eigene evolutionistische Idee integrierte. Durkheim stellte sich gegen die allgemeinen evolutionistischen Annahmen seiner Zeit, vor allem die Ideen der britischen Tradition und entwarf ein eigenes evolutionistisches Konzept im Bereich der Religion. Dabei proklamierte er eine Entwicklungslinie von „geschlossenen, tribalen Gesellschaften“ mit einheitlichen moralischen und religiösen Vorstellungen, hin zu mehr diversifizierten Gesellschaften mit mehreren Vorstellungssystemen, bis eine Gesellschaft entsteht, die durch ihre Ideologische Ausrichtung und ihre Arbeitsteilung zusammenhält und die religiöse Entwicklung dem Individuum selbst überlässt.[5] Er zeichnete sozusagen eine Entwicklungslinie, ausgehend von einer „mechanischen Solidarität“, Clanwesen etc., hin zu einer „organischen Solidarität“, Arbeitsteilung. Durkheim stellte seine Ideen oft durch Gegensatzpaare dar, so auch in seinen Ausführungen zu Religion. In „The Elementary Forms of the Religious Life“ (1912)[6] befasste er sich mit religiösen Ideen von „frühen“ Gesellschaften und bezeichnete den „Totemismus“ als die früheste Form von Religion. Dabei wandte er sich gegen vorhandene evolutionistische Ansätze, welche Rituale und so genannte „primitive“ Religion lediglich als eine Erklärung für Unerklärliches und deren Verehrung wahrnahmen. Vor allem kritisierte Durkheim die britischen evolutionistischen und intellektualistischen Ansätze von Tylor und Frazer. Sie sahen Religion auch als ein Produkt des Individuums selbst, da eine andere kollektive Ebene in solchen Gruppen fehle und somit auch den individuellen Glauben wichtiger als vorherrschende Rituale innerhalb der Gruppe. Dagegen sprach sich Durkheim klar aus, da er Religion als etwas ständig gelebtes und von jeder Generation neu erlebtes sah. Deshalb hielt er die Gesellschaft selbst und nicht psychologische Faktoren, für den Impulsgeber für etwaige Glaubensvorstellungen und er ging ebenso davon aus, dass sich die jeweiligen Autoritäten der Religion bedienten. Er sah gerade in der Religion einer Gruppe, die Möglichkeit und den Nutzen von sozialen Ideologien welche über die religiösen Inhalte transportiert werden. Dabei unterschied er zwischen „profanen“ und „sakralen“ Inhalten und befasste sich vor allem mit den „sakralen“ Mechanismen. Denn gerade darin sah er entscheidende ideologische Inhalte, welche über die Glaubenspraktiken an die Individuen weitergegeben werden und schließlich die Gesellschaft als ein „Set von ideologischen Werten“ ergeben. Gott selbst diene dabei als Symbol für die Gesellschaft, wobei sich auch diese beiden Teile untereinander beeinflussen konnten. Er sah Religion an sich als etwas „zwingendes“, das nach Außen auch „verbindend“ wirkt. Zudem nannte Durkheim „Tradition“ als ein wichtiges Kriterium, da sie schon vorhanden, oft auch als etwas gegebenes dargestellt war und sich das Individuum diesen Ideen anpassen muss. So genannte „collective representations“, Normen Symbole, Mythen…, werden innerhalb eines Rituals eingesetzt, um alle teilnehmenden Individuen zu einer Gruppe zu einen, individuelle Tendenzen zu unterdrücken und über die vorhandenen Symbole, Kraft oder Macht über die Gruppe auszuüben. Durkheim stellte Religion sehr funktionalistisch, als maskiertes soziales Umfeld dar, dass auf das Individuum wirkt, wobei er alternative Sozialstrukturen außerhalb des Glaubens oft übersah. Dabei blendete er Individualistische Tendenzen ebenso aus, so sah er die Teilnahme von Menschen an einem Ritual eher durch „grobe gruppenpsychologische Tendenzen“ bedingt als durch individuelle Motive.[7] Mit seiner Ausarbeitung des „australischen Totemismus“, in „Primitive Classification“, 1903, lieferten Mauss und Durkheim schließlich ein Beispiel für seine struktur-funktionalistische Sicht von Religion. Er sah Religion als „Sozialen Fakt“, der nicht durch außersoziale Modelle, aus der Psychologie etc., erklärt werden könne, sondern durch andere „Soziale Fakten“ erläutert und untersucht werden sollte. E. E. Evans-Pritchard stimmte Durkheims Modell in Bezug auf „geschlossene Gesellschaften“ zu, jedoch in „offene Gesellschaften“ reduzierte sich Religion, in den meisten Fällen auf eine private Praxis und es kommen eine Vielzahl ideologischer Werte und Normen hinzu. In „Division of Labour in Society“ 1893, befasste Durkheim sich mit „Sozialer Solidarität“ und entwickelte daraus das Konzept einer „mechanischen“ oder „organischen“ Solidarität. Geschlossene Gesellschaften binden ihre Mitglieder durch den Glauben an die Gruppe, während viele Stämme in, mehr oder weniger gleichwertige, Clans unterteilt sind und durch das Zusammenspiel aller, den Stamm organisieren. Bei dieser „Mechanischen Solidarität“ werden Wünsche und Bedürfnisse, Heirat …, unter den einzelnen Clans geregelt wobei das Aussterben eines Clans nicht das Bestehen des gesamten Stamms gefährdet. Die so genannte „Organische Solidarität“ entsteht schließlich in industrialisierten Gesellschaften, welche sich lt. Durkheim gerade durch ihre Komplexe Arbeitsteilung auszeichnen. Dabei ist es für einen einzelnen Teil innerhalb der Gesellschaft unmöglich, den gesamten, komplexen Apparat zu überschauen, das Individuum ist sozusagen vom Überleben des „Ganzen Komplexes“ abhängig, sowie durch die Gesellschaft selbst, ohne die Maske der Religion, in Möglichkeit, Wertevorstellungen und Bedingungen beschränkt. Ein weiteres Kennzeichen einer solchen Gesellschaft ist das Herausbilden einer „sozialen Schichtung“.[8] Regierungen, Chieftum, Kastensystem etc.. sind nur einige Beispiele hierfür. Eine wesentliche Errungenschaft Durkheims ist jedoch durch seine Sicht- und Arbeitsweise selbst gegeben. Durkheim war sich darüber Bewusst, dass so genannte „Basiskriterien“ einer Gesellschaft immer zu einer Bewertung und eingeschränkten Sicht auf andere Gruppen führte. Er dachte sozusagen die eigene Gesellschaft mit und zeigte gerade mit Mauss, in der Arbeit „Suicide“ (1897), wie unterschiedliche gesellschaftliche Ausrichtungen zu völlig verschiedenen Bewertungen eines Sachverhaltes führen können. In „The Rules of Sociological Method“ (1895) stellte Durkheim seine Vorstellung einer „soziologischen Forschungsweise“ dar. Er sah jede Gesellschaft als Einzigartig an und sprach sich für die Bewertung von „Sozialen Fakten“ durch weitere „Soziale Fakten“ der jeweiligen Gesellschaft aus. Dabei bewegte er sich als Forscher zwischen Rationalistischen und Empirischen Ansätzen, da er logische Verbindungen von Ideen als natürlich ansah, jedoch seine Theorien stets durch empirische und vor allem aktuelle Beispiele zu belegen suchte. Er bestand sozusagen auf die aktuelle Bezugnahme der vorherrschenden „sozialen Fakten“ in Verbindung mit der dahinter liegenden sozialen Logik. Das stellte eine klare Neuerung gegenüber den bis dahin vorherrschenden, oft spekulativen, philosophischen und auch politisch orientierten Arbeitsmethoden dar. Da er nicht mit dem Kolonialapparat seiner Zeit kollaborierte, blieb er eher ein „armchair-anthropologist“. Auch die empirischen Belege in der Arbeit über die Aborigines wurden oft kritisiert, doch setzte sich seine Methode von rationaler Logik und deren empirischen Beweise als funktionalistische Soziologie durch und wurde in weiterer Folge von seinen Anhängern weiterentwickelt.


[1] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S. 63
[2] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 171
[3] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 171
[4] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 173ff
[5] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 188
[6] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S. 64
[7] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 175
[8] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 179