Arbeit zu "Strukturalismus"
Von Purtscher Daniel
Mat.Nr.: 0203141
a312, a307
Geschichte der Kultur und Sozialanthropologie - Tutorium, WS 05/06
Arbeit zu Strukturalismus
Der frankophone Strukturalismus in der Sozialanthropologie wurde entscheidend von einem Mann, nämlich Claude Lévi-Strauss geprägt. Claude Lévi-Strauss wurde am 28. November 1908[1] in Brüssel als Sohn eines Künstlers geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und Soziologie an der Sorbonne in Paris bevor er zwei Jahre lang an einem Gymnasium in Laon unterrichtete. 1934 verließ Lévi-Strauss Frankreich und wurde 1935 als Professor an die Universität von Sao Paolo berufen. Von 1935 bis 1939 unternahm er erste ethnographische Reisen zu den Bororo Indianern im Amazonasgebiet.[2] Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Frankreich zurück, wo er von 1939 bis 1940 freiwilligen Militärdienst leistete und Frankreich anschließend wieder verließ, um an der School for Social Research in New York zu unterrichten. Dort begegnete er Roman Jakobson, welcher das linguistisches Denken und in weiterer Folge ebenso das strukturalistische Konzept von Lévi-Strauss entscheidend beeinflusste. Zudem kam er hier mit der Boas´schen Tradition und mit deren Interesse für allgemeine mentale Verhaltensmuster in Berührung.[3]Gemeinsam mit Henri Focillon, Jacques Maritain und einigen weiteren Mitgliedern gründete er schließlich die École libre des hautes études de New York. 1944 wurde er vom französischen auswärtigen Amt nach Frankreich zurückgerufen und 1945 als Kulturberater der französischen Botschaft nach New York entsandt. 1948 kündigte er seinen Posten, um sich erneut seinen Forschungen widmen zu können. 1949 wurde er Direktor des Musée de l'Homme in Paris und anschließend Direktor der Ecole pratique des hautes études. Lévi-Strauss war zuständig für den Lehrstuhl und das Studienprogramm in vergleichender Religionswissenschaften.[4] Von 1959 bis zu seiner Pensionierung 1982 hatte er die Position eines Professor für Sozialanthropologie am renommierten Collège de France inne. Claude Lévi-Strauss wird wegen seines strukturalistischen Ansatzes, heute als einer der international bedeutendsten Anthropologen des 20. Jahrhunderts gehandelt. Er wollte mit seiner strukturalistischen Methode, die den alltäglichen Handlungen zugrunde liegenden Ursachen offen legen, also hinter die Oberfläche blicken. Dabei bezieht sich der „Strukturalismus“ vor allem auf die theoretische Perspektive, welche den Mustern/Schablonen und nicht dem Inhalt die größere Bedeutung erteilen. Ihm ging es mehr um das Wissen, wie die Dinge zusammenpassen und weniger um das Verständnis einzelner, isolierter Teile. Lévi-Strauss suchte sozusagen die Struktur aller möglichen Strukturen. So auch nach Strukturen einer psychischen Einheit bestimmter Gruppen, sowie der Menschen selbst, welche er „l´esprit humain“[5] nannte. Dabei bedient sich der Strukturalismus einer deduktiven Methode, indem er ein theoretisches Modell entwirft und dann nach Beweisen in der gelebten Realität sucht. Der wichtigste Unterschied zur struktur-funktionalistischen Methode von Alfred Reginald Radcliff-Brown, welche sich ebenfalls mit Beziehungen innerhalb einer abgegrenzten Gruppe befasst, besteht in der induktiven Beweisführung der struktur-funktionalistischen Methode, durch welche schließlich auf die Struktur selbst geschlossen wird. Die Grundlagen des Strukturalismus nach Lévi-Strauss kamen aus der Linguistik, nämlich aus den Arbeiten von Ferdinand de Saussure[6], eines schweizer Linguisten der von 1857 bis 1913 lebte und in Paris Philologie unterrichtete. De Saussures Arbeiten wurden erst drei Jahre nach seinem Ableben veröffentlicht und stellen heute die früheste Betonung von synchronischen, strukturalen Analysen im Sprachstudium dar. Die wichtigsten Ideen von De Saussures waren die Unterscheidung diachronischer, von Veränderungen ausgehenden, und synchronischer, zu einem bestimmten Zeitpunkt erstellten, Studien, sowie die Einteilungen in Langue, Sprache im Sinne von Grammatik und Struktur, und Parole, Sprache im Sinne von aktuellen Äußerungen. Dazu kam noch die Idee syntagmatischer und assoziativer Beziehungen von Worten.[7] Im Beispiel einer Ampel entspricht der Abfolge der Farben, Grün, Orange, Rot die allgemein übliche Bedeutung von Fahren, Bereitmachen und Stopp. Somit bilden die einzelnen Farben auch eine assoziative Beziehung zu den jeweiligen Inhalten, nämlich Rot meint Stopp. Diese paradigmatische, assoziative, Beziehung ist jedoch Kontextbezogen, da Rot nicht immer Stopp bedeutet. Im Bereich der Politik, der Kunst oder der Religion zum Beispiel müssen die einzelnen Farben in einem völlig anderen Kontext wahrgenommen und dargestellt werden. Die letzte wesentliche Unterscheidung die De Saussure liefert, besteht zwischen „signifier“, Bezeichnender und „signified“ Bezeichneter. Hier erkannte er dass Bezeichnungen ein und derselben Sache in unterschiedlichen Sprachen, abhängig von der gegebenen Sprache/Kultur und deren phonetischen Darstellung/dem aktuellen kulturellen Kontext, entsteht. In der Prager Schule entstanden nach De Saussures Tod noch weitere Ideen wobei der Begriff der „unverkennbaren Eigenschaften“ noch wichtig wird. Dabei ging es in der Linguistik vor allem um phonethische Feinheiten, zum Beispiel P und B. Der Ton wird in derselben Mundgegend erzeugt und lediglich durch die Betonung und Aussprache differenziert. Ein Mensch der Lippenlesen kann oder Jemand der aus einer Sprachfamilie stammt, die diese Differenziertheit nicht kennt, könnte in einem Gespräch leicht in Verständigungsschwierigkeiten geraten. Diese binäre Natur von Stimmerfüllten oder Stimmlosen Bedeutungen wurde für den Strukturalismus wichtig, da Claude Lévi-Strauss gerade binäre Oppositionspaare sowie die Idee von Struktur als Muster/Schablone aus der Linguistik übernahm. Weitere Einflüsse waren durch seine früheren Studien, sowie auch durch Émile Durkheim und „die Gabe“ von Marcel Mauss, einem seiner ehemaligen Professoren, gegeben. Gerade in seiner Arbeit „Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ konzentrierte sich Lévi-Strauss weniger auf die Deszendenztheorie, sondern mehr auf das Schaffen neuer Verbindungen durch „Frauentausch“ und somit auf die Heirat.[8] Dabei entwickelte er die Unterscheidung zwischen komplexen und einfachen oder elementaren, Verwandtschaftssystemen. Komplexe Verwandtschaftssysteme zeichnen sich dabei nur durch vorherrschende Verbote, bei der Auswahl eines möglichen Partners aus. Einfache Verwandtschaftssysteme dagegen verbieten und schreiben vor, zum Beispiel aus welcher sozialen Gruppe der Ehepartner gewählt werden soll. Hier betonte er seine Allianztheorie, Verbindung der durch die Heirat betroffenen Familien, gegenüber der Deszendenztheorie. Zudem zeigte er auf, dass das Inzesttabu, mit ein paar Abstrichen, universell gilt. In seinen Arbeiten zu der Mythologie, sowie zum „Wilden Denken“ behandelte Lévi-Strauss Mythen als Ausdruck universeller Geisteshaltungen der betroffenen Gruppen[9]. Dabei untersuchte er Nord- und Südamerikanische Mythen. Vor allem von so genannten „cold societies“, Gesellschaften ohne lineare Geschichtsschreibung, gegenüber, den von ihm „hot societies“ genannten Gruppen mit einer gelebten Geschichtsschreibung. So sah er Totemismus, weniger als Zweckgerichtet, sondern mehr als eine parallelen Darstellung der sozialen Gruppen, die den jeweiligen Totem verwendet. In seinen weiteren Untersuchungen konnte er einige Ähnlichkeiten entdecken, so arbeitete er zu diesem Thema die Gegensatzpaare von nackt – bekleidet, oder roh – gekocht, auch das so genannte „Kulinarische Dreieck“[10] heraus. Gerade hier versuchte Lévi-Strauss, Grundthemen der jeweiligen „mythischen Region“, l´esprit humain, herauszuarbeiten und mit den jeweiligen kulturellen Gegebenheiten, Natur als Gegensatz zu Kultur, kochen – verrotten etc…, in Verbindung zu bringen. Dabei erscheinen die Mythen selbst als Transportmittel für Informationen und kulturelle Haltungen, gerade für Gruppen welche außerhalb einer aktiven Geschichtsschreibung stehen. Dabei wies Lévi-Strauss auch auf die Eigendynamik von Mythen hin, welche sich von Menschen transportiert, auch ständig verändern, anpassen, das heißt variabel erscheinen. In weiterer Folge zeigte er auf, dass in jeder Gesellschaft ein Mythisches Denken vorhanden ist, welches Fragen zur Natur der Dinge im wesentlichen mit Analogien und Metaphern beantwortet.[11] In weiterer Folge entstanden aus dem Lévi-Straus´schen Strukturalismus mehrere Stränge, da viele seine Betonung der psychischen Einheit ablehnten und zu abgegrenzten Forschungsbereichen, Region, Gruppe, Gesellschaft tendierten. Heute gelten in der Forschung vor allem zwei Punkte an der Arbeit von Claude Lévi-Strauss als widerlegt. Zum einen, dass nahezu alles auf Binarität zurückführbar sei und zum anderen, dass alle Verwandtschaftsformen auf „Frauentausch“ basieren. Die aktuelle Forschung spricht von einem vernetzten Denken[12] mit mehr als zwei Polen, wählbare Ethnizität oder Identitäten eines jeden Individuums durch Religion, Kleidung etc… und widerlegte auch die Universalität des Frauentausches. Der holländische Strukturalismus konzentrierte sich auf die Beschäftigung mit Strukturen innerhalb einer bestimmten Region oder eines Kulturkreises, während sich der britische Strang auf einzelne Gesellschaften beschränkte. Die holländische Methode, mit J.P.B de Josselin de Jong als einen ihrer Vertreter, entstand aus der Kolonialherrschaft in Holländisch-Ostindien, Indonesien, und betonte Regionale Strukturen. In einem regionalen Kontext waren die holländischen Forscher in den Bereichen von Verwandtschaft, Symbolismus und Mythen tätig. Die britische Methode versuchte induktiv zu ihren Ergebnissen zu kommen und widersprach in diesem Punkt dem Lévi-Straus´schen Strukturalismus. Rodney Needham, Professor für Sozialanthropologie in Oxford in den 70ern und 80ern, bezog sich vor allem in seinen Arbeiten zu Verwandtschaft auf Claude Lévi-Strauss, nahm jedoch nach einem Disput mit dem selben Abstand von dessen Arbeit. Weitere Wissenschaftler wie Roy Willis, Sir Edmund Leach and Marshall Sahlins ergänzten durch ihre Studien den Strukturalismus um eine historische Dimension.[13] Amerikanische Disziplinen der „Ethnoscience“ und „Cognitive Anthropology“ entwickelten mit „human universals, linguistic models“ und anderen Einteilungen strukturalistische Arbeiten mit Anlehnungen an den frankophonen Strukturalismus, für welche sie selbst Lévi-Strauss lobte. In Frankreich entwickelte Louis Dumont in seiner Arbeit „Homo Hierarchicus“ 1966 einen regional-strukturalistischen Ansatz. Dabei untersuchte er die Hierarchischen Strukturen des Kastenwesens in Indien und entwarf daraus den Gegensatz von Holismus, Unterordnung, Konzentration auf eine Gruppe, gegenüber dem Individualismus westlicher, vor allem USA und Frankreich, Gesellschaften. In seinem zweiten Werk „Homo Aequalis“ 1991, vergleicht er schließlich Gruppenorientierter sozialer Holismus und ideologische Hierarchie mit den in den USA und Frankreich vorherrschenden Vorstellungen von Individualismus und sozialer Egalität aller.[14] Claude Lévi-Strauss gilt heute neben Dumont als eine der Gründerfiguren seiner Zeit, wobei die heutige Forschung mehr zu praktischen Erfahrungen als idealisierten theoretischen Konzepten tendiert, zumindest in Europa.
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[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Claude_L%C3%A9vi-Strauss, 11.01.06
[2] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S. 125ff
[3] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 209
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Claude_L%C3%A9vi-Strauss, 11.01.06
[5] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 127
[6] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 121ff.
[7] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 122ff
[8] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 212
[9] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 214
[10] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 130ff
[11] Vl: Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie, O. Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich, 11.01.06
[12] : Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie, O. Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich, 11.01.06
[13] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 136ff
[14] : Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie, O. Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich, 11.01.06
Mat.Nr.: 0203141
a312, a307
Geschichte der Kultur und Sozialanthropologie - Tutorium, WS 05/06
Arbeit zu Strukturalismus
Der frankophone Strukturalismus in der Sozialanthropologie wurde entscheidend von einem Mann, nämlich Claude Lévi-Strauss geprägt. Claude Lévi-Strauss wurde am 28. November 1908[1] in Brüssel als Sohn eines Künstlers geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und Soziologie an der Sorbonne in Paris bevor er zwei Jahre lang an einem Gymnasium in Laon unterrichtete. 1934 verließ Lévi-Strauss Frankreich und wurde 1935 als Professor an die Universität von Sao Paolo berufen. Von 1935 bis 1939 unternahm er erste ethnographische Reisen zu den Bororo Indianern im Amazonasgebiet.[2] Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Frankreich zurück, wo er von 1939 bis 1940 freiwilligen Militärdienst leistete und Frankreich anschließend wieder verließ, um an der School for Social Research in New York zu unterrichten. Dort begegnete er Roman Jakobson, welcher das linguistisches Denken und in weiterer Folge ebenso das strukturalistische Konzept von Lévi-Strauss entscheidend beeinflusste. Zudem kam er hier mit der Boas´schen Tradition und mit deren Interesse für allgemeine mentale Verhaltensmuster in Berührung.[3]Gemeinsam mit Henri Focillon, Jacques Maritain und einigen weiteren Mitgliedern gründete er schließlich die École libre des hautes études de New York. 1944 wurde er vom französischen auswärtigen Amt nach Frankreich zurückgerufen und 1945 als Kulturberater der französischen Botschaft nach New York entsandt. 1948 kündigte er seinen Posten, um sich erneut seinen Forschungen widmen zu können. 1949 wurde er Direktor des Musée de l'Homme in Paris und anschließend Direktor der Ecole pratique des hautes études. Lévi-Strauss war zuständig für den Lehrstuhl und das Studienprogramm in vergleichender Religionswissenschaften.[4] Von 1959 bis zu seiner Pensionierung 1982 hatte er die Position eines Professor für Sozialanthropologie am renommierten Collège de France inne. Claude Lévi-Strauss wird wegen seines strukturalistischen Ansatzes, heute als einer der international bedeutendsten Anthropologen des 20. Jahrhunderts gehandelt. Er wollte mit seiner strukturalistischen Methode, die den alltäglichen Handlungen zugrunde liegenden Ursachen offen legen, also hinter die Oberfläche blicken. Dabei bezieht sich der „Strukturalismus“ vor allem auf die theoretische Perspektive, welche den Mustern/Schablonen und nicht dem Inhalt die größere Bedeutung erteilen. Ihm ging es mehr um das Wissen, wie die Dinge zusammenpassen und weniger um das Verständnis einzelner, isolierter Teile. Lévi-Strauss suchte sozusagen die Struktur aller möglichen Strukturen. So auch nach Strukturen einer psychischen Einheit bestimmter Gruppen, sowie der Menschen selbst, welche er „l´esprit humain“[5] nannte. Dabei bedient sich der Strukturalismus einer deduktiven Methode, indem er ein theoretisches Modell entwirft und dann nach Beweisen in der gelebten Realität sucht. Der wichtigste Unterschied zur struktur-funktionalistischen Methode von Alfred Reginald Radcliff-Brown, welche sich ebenfalls mit Beziehungen innerhalb einer abgegrenzten Gruppe befasst, besteht in der induktiven Beweisführung der struktur-funktionalistischen Methode, durch welche schließlich auf die Struktur selbst geschlossen wird. Die Grundlagen des Strukturalismus nach Lévi-Strauss kamen aus der Linguistik, nämlich aus den Arbeiten von Ferdinand de Saussure[6], eines schweizer Linguisten der von 1857 bis 1913 lebte und in Paris Philologie unterrichtete. De Saussures Arbeiten wurden erst drei Jahre nach seinem Ableben veröffentlicht und stellen heute die früheste Betonung von synchronischen, strukturalen Analysen im Sprachstudium dar. Die wichtigsten Ideen von De Saussures waren die Unterscheidung diachronischer, von Veränderungen ausgehenden, und synchronischer, zu einem bestimmten Zeitpunkt erstellten, Studien, sowie die Einteilungen in Langue, Sprache im Sinne von Grammatik und Struktur, und Parole, Sprache im Sinne von aktuellen Äußerungen. Dazu kam noch die Idee syntagmatischer und assoziativer Beziehungen von Worten.[7] Im Beispiel einer Ampel entspricht der Abfolge der Farben, Grün, Orange, Rot die allgemein übliche Bedeutung von Fahren, Bereitmachen und Stopp. Somit bilden die einzelnen Farben auch eine assoziative Beziehung zu den jeweiligen Inhalten, nämlich Rot meint Stopp. Diese paradigmatische, assoziative, Beziehung ist jedoch Kontextbezogen, da Rot nicht immer Stopp bedeutet. Im Bereich der Politik, der Kunst oder der Religion zum Beispiel müssen die einzelnen Farben in einem völlig anderen Kontext wahrgenommen und dargestellt werden. Die letzte wesentliche Unterscheidung die De Saussure liefert, besteht zwischen „signifier“, Bezeichnender und „signified“ Bezeichneter. Hier erkannte er dass Bezeichnungen ein und derselben Sache in unterschiedlichen Sprachen, abhängig von der gegebenen Sprache/Kultur und deren phonetischen Darstellung/dem aktuellen kulturellen Kontext, entsteht. In der Prager Schule entstanden nach De Saussures Tod noch weitere Ideen wobei der Begriff der „unverkennbaren Eigenschaften“ noch wichtig wird. Dabei ging es in der Linguistik vor allem um phonethische Feinheiten, zum Beispiel P und B. Der Ton wird in derselben Mundgegend erzeugt und lediglich durch die Betonung und Aussprache differenziert. Ein Mensch der Lippenlesen kann oder Jemand der aus einer Sprachfamilie stammt, die diese Differenziertheit nicht kennt, könnte in einem Gespräch leicht in Verständigungsschwierigkeiten geraten. Diese binäre Natur von Stimmerfüllten oder Stimmlosen Bedeutungen wurde für den Strukturalismus wichtig, da Claude Lévi-Strauss gerade binäre Oppositionspaare sowie die Idee von Struktur als Muster/Schablone aus der Linguistik übernahm. Weitere Einflüsse waren durch seine früheren Studien, sowie auch durch Émile Durkheim und „die Gabe“ von Marcel Mauss, einem seiner ehemaligen Professoren, gegeben. Gerade in seiner Arbeit „Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ konzentrierte sich Lévi-Strauss weniger auf die Deszendenztheorie, sondern mehr auf das Schaffen neuer Verbindungen durch „Frauentausch“ und somit auf die Heirat.[8] Dabei entwickelte er die Unterscheidung zwischen komplexen und einfachen oder elementaren, Verwandtschaftssystemen. Komplexe Verwandtschaftssysteme zeichnen sich dabei nur durch vorherrschende Verbote, bei der Auswahl eines möglichen Partners aus. Einfache Verwandtschaftssysteme dagegen verbieten und schreiben vor, zum Beispiel aus welcher sozialen Gruppe der Ehepartner gewählt werden soll. Hier betonte er seine Allianztheorie, Verbindung der durch die Heirat betroffenen Familien, gegenüber der Deszendenztheorie. Zudem zeigte er auf, dass das Inzesttabu, mit ein paar Abstrichen, universell gilt. In seinen Arbeiten zu der Mythologie, sowie zum „Wilden Denken“ behandelte Lévi-Strauss Mythen als Ausdruck universeller Geisteshaltungen der betroffenen Gruppen[9]. Dabei untersuchte er Nord- und Südamerikanische Mythen. Vor allem von so genannten „cold societies“, Gesellschaften ohne lineare Geschichtsschreibung, gegenüber, den von ihm „hot societies“ genannten Gruppen mit einer gelebten Geschichtsschreibung. So sah er Totemismus, weniger als Zweckgerichtet, sondern mehr als eine parallelen Darstellung der sozialen Gruppen, die den jeweiligen Totem verwendet. In seinen weiteren Untersuchungen konnte er einige Ähnlichkeiten entdecken, so arbeitete er zu diesem Thema die Gegensatzpaare von nackt – bekleidet, oder roh – gekocht, auch das so genannte „Kulinarische Dreieck“[10] heraus. Gerade hier versuchte Lévi-Strauss, Grundthemen der jeweiligen „mythischen Region“, l´esprit humain, herauszuarbeiten und mit den jeweiligen kulturellen Gegebenheiten, Natur als Gegensatz zu Kultur, kochen – verrotten etc…, in Verbindung zu bringen. Dabei erscheinen die Mythen selbst als Transportmittel für Informationen und kulturelle Haltungen, gerade für Gruppen welche außerhalb einer aktiven Geschichtsschreibung stehen. Dabei wies Lévi-Strauss auch auf die Eigendynamik von Mythen hin, welche sich von Menschen transportiert, auch ständig verändern, anpassen, das heißt variabel erscheinen. In weiterer Folge zeigte er auf, dass in jeder Gesellschaft ein Mythisches Denken vorhanden ist, welches Fragen zur Natur der Dinge im wesentlichen mit Analogien und Metaphern beantwortet.[11] In weiterer Folge entstanden aus dem Lévi-Straus´schen Strukturalismus mehrere Stränge, da viele seine Betonung der psychischen Einheit ablehnten und zu abgegrenzten Forschungsbereichen, Region, Gruppe, Gesellschaft tendierten. Heute gelten in der Forschung vor allem zwei Punkte an der Arbeit von Claude Lévi-Strauss als widerlegt. Zum einen, dass nahezu alles auf Binarität zurückführbar sei und zum anderen, dass alle Verwandtschaftsformen auf „Frauentausch“ basieren. Die aktuelle Forschung spricht von einem vernetzten Denken[12] mit mehr als zwei Polen, wählbare Ethnizität oder Identitäten eines jeden Individuums durch Religion, Kleidung etc… und widerlegte auch die Universalität des Frauentausches. Der holländische Strukturalismus konzentrierte sich auf die Beschäftigung mit Strukturen innerhalb einer bestimmten Region oder eines Kulturkreises, während sich der britische Strang auf einzelne Gesellschaften beschränkte. Die holländische Methode, mit J.P.B de Josselin de Jong als einen ihrer Vertreter, entstand aus der Kolonialherrschaft in Holländisch-Ostindien, Indonesien, und betonte Regionale Strukturen. In einem regionalen Kontext waren die holländischen Forscher in den Bereichen von Verwandtschaft, Symbolismus und Mythen tätig. Die britische Methode versuchte induktiv zu ihren Ergebnissen zu kommen und widersprach in diesem Punkt dem Lévi-Straus´schen Strukturalismus. Rodney Needham, Professor für Sozialanthropologie in Oxford in den 70ern und 80ern, bezog sich vor allem in seinen Arbeiten zu Verwandtschaft auf Claude Lévi-Strauss, nahm jedoch nach einem Disput mit dem selben Abstand von dessen Arbeit. Weitere Wissenschaftler wie Roy Willis, Sir Edmund Leach and Marshall Sahlins ergänzten durch ihre Studien den Strukturalismus um eine historische Dimension.[13] Amerikanische Disziplinen der „Ethnoscience“ und „Cognitive Anthropology“ entwickelten mit „human universals, linguistic models“ und anderen Einteilungen strukturalistische Arbeiten mit Anlehnungen an den frankophonen Strukturalismus, für welche sie selbst Lévi-Strauss lobte. In Frankreich entwickelte Louis Dumont in seiner Arbeit „Homo Hierarchicus“ 1966 einen regional-strukturalistischen Ansatz. Dabei untersuchte er die Hierarchischen Strukturen des Kastenwesens in Indien und entwarf daraus den Gegensatz von Holismus, Unterordnung, Konzentration auf eine Gruppe, gegenüber dem Individualismus westlicher, vor allem USA und Frankreich, Gesellschaften. In seinem zweiten Werk „Homo Aequalis“ 1991, vergleicht er schließlich Gruppenorientierter sozialer Holismus und ideologische Hierarchie mit den in den USA und Frankreich vorherrschenden Vorstellungen von Individualismus und sozialer Egalität aller.[14] Claude Lévi-Strauss gilt heute neben Dumont als eine der Gründerfiguren seiner Zeit, wobei die heutige Forschung mehr zu praktischen Erfahrungen als idealisierten theoretischen Konzepten tendiert, zumindest in Europa.
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[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Claude_L%C3%A9vi-Strauss, 11.01.06
[2] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S. 125ff
[3] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 209
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Claude_L%C3%A9vi-Strauss, 11.01.06
[5] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 127
[6] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 121ff.
[7] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 122ff
[8] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 212
[9] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005, S. 214
[10] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 130ff
[11] Vl: Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie, O. Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich, 11.01.06
[12] : Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie, O. Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich, 11.01.06
[13] Alan Barnard, History and Theory in Anthropology, Cambridge Univ. Press 2003, S 136ff
[14] : Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie, O. Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich, 11.01.06
